Auch die Winterspiele haben ihre Unschuld verloren – na und?
Eigentlich sollten die Olympischen Spiele unpolitisch sein. Der alte Baron Pierre de Coubertin, der Erfinder der modernen Spiele, war Romantiker. Er hat mehrfach die politische Reinheit «seiner Spiele» ausdrücklich betont. Unter anderem sagte er:
Das war wunderbar formuliert. Aber in Wirklichkeit lassen sich olympischer Sport und Politik so wenig auseinanderhalten wie Kirche (Religion) und Staat im richtigen Leben. Wegen der geringeren globalen Ausstrahlung waren die Spiele im Winter bisher viel weniger politisch als jene im Sommer.
Allerdings haben die Winterspiele ihre politische Unschuld gleich bei der Geburt verloren. Schon bei der ersten Austragung 1924 betrachtete das IOC unter starkem französischem Einfluss und unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges Deutschland und seine ehemaligen Verbündeten (Österreich, Ungarn, Bulgarien, Türkei) als «Feindstaaten». Sie wurden nicht zur Teilnahme eingeladen, was eigentlich nicht im Sinn eines völkerverbindenden Sportfestes war. Deutschland und Japan durften auch 1948 in St. Moritz nicht teilnehmen.
Beide Länder befanden sich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg noch im Prozess der politischen und gesellschaftlichen Neuordnung und unter alliierter Besatzung. Österreich war hingegen als Opfer der Annexion durch das Deutsche Reich (1938) willkommen. Seither sind die Winterspiele abgesehen von Teilsanktionen gegen Russland 2018 und 2022 weitgehend von der Politik verschont geblieben. Das hat sich 2026 in Mailand und Cortina grundsätzlich geändert. Noch nie war so viel Politik in den Winterspielen.
Russland und Weissrussland sind wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine ausgeschlossen (mit Ausnahme von einzelnen Athletinnen und Athleten unter ganz besonderen Voraussetzungen). Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Russland (früher die Sowjetunion) ein Titan des Wintersportes ist. Seit der ersten Teilnahme 1956 in Cortina haben die Russen die Medaillenwertung neunmal dominiert (1956, 1960, 1964, 1972, 1976, 1984, 1988, 1994 und 2014).
Kommt dazu: Russland (bzw. die Sowjetunion) hat das olympische Eishockey-Turnier gleich bei der ersten Teilnahme 1956 und dann weitere sechs Mal gewonnen. Eishockey ist das Herzstück der Spiele. Vom ersten bis zum letzten Tag wird gespielt. Ein Ausschluss des siebenfachen Siegers ist sportlich eher noch bedeutsamer als eine Fussball-WM ohne Deutschland oder Brasilien.
Die Spiele bieten in Mailand und Cortina auch eine Bühne für individuelle politische Statements. Die sozialen Medien ermöglichen es allen, sich direkt an die Weltöffentlichkeit zu wenden und Botschaften aus dem «modernen Märchenreich Olympia» haben eine noch höhere Beachtung. Der US-Freestyler Hunter Hess hat beispielsweise soeben Kritik an der aktuellen Politik in seinem Heimatland geübt. Was sogar Donald Trump umgehend zu einer Reaktion provozierte.
Zuvor hatte es individuelle politische Zeichen schon 2014 in Sotschi (die ukrainischen Biathlon-Athletinnen und Athleten trugen blaue Armbinden als Zeichen der Solidarität mit den Maidan-Protesten) gegeben. Bei den gleichen Spielen trug der Amerikaner Gus Kenworthy (Silber im Slopestyle) Regenbogen-Accessoires, um gegen die entsprechende russische Gesetzgebung zu protestieren. Wir können davon ausgehen, dass die Chance für politische Verlautbarungen in Zukunft noch viel mehr genützt wird.
Die Winterspiele lieben mehr noch als die Sommerspiele den Mythos der Reinheit und der sportlichen Märchenwelt. Weisser Schnee, Berge, klare Luft, Sonne, pure Natur und hin und wieder Wind und Wolken und böses Wetter. Inzwischen ist die politische Unschuld definitiv verloren gegangen. Aber dagegen haben eigentlich nur noch hoffnungslose Romantiker etwas einzuwenden. Die Trennung von Sport und Politik wäre zwar wunderbar, ist aber heute völlig unmöglich.
Ein Ereignis mit weltweiter Beachtung kann sich gar nicht von der gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit abkoppeln oder diese Wirklichkeit ignorieren. Ein Sportanlass, der weit über zwei Milliarden Franken kostet, zu einem Teil vom Staat finanziert wird und dem Grundsatz «die Kosten sozialisieren, die Profite privatisieren» huldigt, hat nun mal erhebliche wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Bedeutung.
Aber eine gewisse Romantik und Magie haben die Winterspiele trotzdem nicht verloren: Für gut zwei Wochen verdrängen Geschichten über sportliche Triumphe und Dramen weitgehend Krise, Kriege und Katastrophen aus den gedruckten, gesprochenen und gesendeten Medien. Die Winterspiele sind nach wie vor und trotz allem eine Traumfabrik. Immerhin. Und wir dürfen sagen: Auch die Winterspiele haben ihre politische Unschuld verloren – na und?
